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14.03.2007: Übergewicht

"Schon heute kann jeder zweite Erwachsene als übergewichtig angesehen werden!"

Dr. med. Ulrike Korsten-Reck beschäftigt sich seit 15 Jahren mit übergewichtigen Kindern und den Folgen für die Gesellschaft. Im Interview der Woche spricht sie über ihre Arbeit.

 

 

Dr. med. Ulrike Korsten-Reck arbeitet in der Abteilung Rehabilitative und Präventive Sportmedizin der Uniklinik Freiburg. Sie beschäftigt sich seit 15 Jahren mit übergewichtigen Kindern und den Folgen für die Gesellschaft. Aus ihren Untersuchungen und Erfahrungen hat sich „FITOC“ entwickelt, ein ganzheitliches, interdisziplinäres Therapieprogramm für adipöse Kinder, das es inzwischen auch in weiteren Städten gibt. Frau Korsten-Reck gilt als Expertin für übergewichtige Kinder in Deutschland. Das Konzept wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, zuletzt im September in Berlin, bei der Initiative „Bauchumfang ist Herzenssache.“

 

 

Frau Dr. Korsten-Reck, obwohl es viele betrifft, ist nicht jedem bekannt was sich hinter Adipositas verbirgt.

 

Adipositas ist die medizinische Bezeichnung für massives Übergewicht. Die Adipositas nimmt in bestimmten Altersgruppen stetig zu. Es gibt insbesondere eine Zunahme des Ausprägungsgrades. Dies fällt auch im Stadtbild auf. Früher waren die Kinder etwas moppelig, heute haben wir amerikanische Verhältnisse.

 

Herzspezialisten haben vielfach belegt, dass das Maß des Bauchumfangs bei Erwachsenen mit vielen Folgeerkrankungen einhergeht, inzwischen kann man dies auch bei Kindern feststellen. Vor allem Herz-Kreislauf-Krankheiten sind hier häufig die Folge.

 

 

 

Wir wird Adipositas diagnostiziert?

 

Das gängige Maß zu Bestimmung ist der so genannte BMI/ (Body Mass Index). Dabei wird das Körpergewicht durch die Körpergröße in Meter zum Quadrat geteilt.

 

Ein kleiner kräftiger Turner wird hier doch allerdings dieselben Werte erhalten, wie eine Person, die adipös ist?

 

Das ist richtig. Mittlerweile müssen wir deshalb dem Thema Körperkomposition mehr Bedeutung beimessen. Was ist Muskelmasse, was ist Fettmasse? Bei Erwachsenen ist die Messung des Bauchumfangs eine gute Möglichkeit den Risikofaktor zu bestimmen. Durch unsere Initiative „Bauchumfang ist Herzenssache“ möchten wir dies in der Bevölkerung bekannt machen. Bei Kindern messen wir, zum Beispiel mit einer Fettzange, den Fettanteil an bestimmten Stellen.

 

 

 

Was sind die Gründe für Adipositas: Ernährung, genetische Ursachen oder Stoffwechselerkrankungen?

 

Sie haben die wesentlichen Faktoren bereits angesprochen. Für die Betroffenen besonders wichtig: ein großer Teil der Adipositas ist beeinflussbar, ist also direkt von Ernährung, Bewegung und der Verhaltensmodifikation abhängig. Die drei Elemente haben sich als die wesentlichen Einflussfaktoren herauskristallisiert. Die Eltern sind die Wegbereiter für das Verhalten ihrer Kinder, deshalb ist es für uns wichtig, die Eltern mit im Boot zu haben. Wir zeigen ihnen die Möglichkeiten auf, sich gesund zu ernähren und zu bewegen.

 

 

 

„Fitoc“ wurde wiederholt ausgezeichnet. Warum?

 

Wir untersuchen adipöse Kinder seit 15 Jahren. In unserer Abteilung wurden ca. 500 Kinder untersucht und therapiert, weiterhin ca. 400 Kinder in anderen Städten innerhalb unserer Multiplikatorengruppen. „Fitoc“ ist vor allem ein Konzept, das auf unseren umfangreichen Erfahrungen aufbaut. Viele Leute, die sich erst kurze Zeit mit dem Thema „Adipositas im Kindesalter“ beschäftigen, entdecken uns „neu“, obwohl wir das schon 15 Jahre machen.

 

In großen Schuluntersuchungen hat sich gezeigt, dass immer mehr Kinder stark übergewichtig sind und auch ihre motorische Leistungsfähigkeit immer schlechter wird. „Fitoc“ ist ein sportbetontes Interventionsprogramm.

 

Der Sport ist eine besonders wichtige Komponente. Er kann z. B. helfen, die motorischen Hauptbeanspruchungsformen zu verbessern und Fettmasse zu reduzieren. Darüber hinaus stärkt Sport in kurzer Zeit das Selbstbewusstsein, das gerade in der Fitoc-Zielgruppe wichtig ist.

 

 

 

Es taucht immer wieder die Zahl auf, dass allein 5% der Gesundheitsausgaben auf Kosten der Bewältigung von Übergewicht und ihren Folgen gehen. Auf das Jahr 2001 bezogen wären dies 11 Milliarden Euro. Ist das Problem wirklich so teuer?

 

Die Gesamtkosten für die Behandlung in Deutschland schwanken tatsächlich zwischen drei und acht Prozent der gesamten Ausgaben des Gesundheitssystems, somit sind dies Ausgaben in Milliardenhöhe. Schon heute kann jeder zweite Erwachsene in Deutschland als übergewichtig angesehen werden und Sie können sich sicherlich vorstellen, dass die alarmierenden Zahlen aus den Schuluntersuchungen keine gute Prognose für die Zukunft erwarten lässt. Es kann erwartet werden, dass die erhöhte Kinderadipositas „mitwächst“ und wir in ein paar Jahren mit einem weit größeren Problem konfrontiert sind, als dies heute schon der Fall ist. Unser Konzept setzt genau an diesem Punkt an.

 

Um das Problem zu lösen, müssten wir in den Kindergärten und der Schwangerenbetreuung ansetzen. Dies könnte Kosten einsparen. Eine andere Frage neben der ökonomischen ist die soziale: Wie fühlen sich übergewichtige Kinder? Man weiß, dass die in ihrer Krankheitsbewältigung oft auffälliger sind als bei allen chronischen Krankheiten. Hier kann der Sport eine Menge leisten.

 

 

Was empfehlen Sie Adipositasbetroffenen oder ihren Eltern. Wie beginnt man?

 

Der erste Schritt geht normalerweise über den Arzt. Zuerst sollte eine Bestimmung erfolgen: wie groß ist das Problem, in welcher Altersgruppe befindet sich das Kind? Im Kindergarten kann man leichter Dinge anbieten. Ich sollte mein Kind zum Kinderarzt nehmen und dann eine regelmäßige Körper- und Gewichtsmessung durchführen. Viele Eltern, die selbst übergewichtig sind, sehen nicht, dass ihre Kinder übergewichtig sind. Dadurch wird das oft sehr spät entdeckt. Wenn man sich entschieden hat, dem Problem zu begegnen, sollte man dranbleiben und es nicht schleifenlassen.

 

Viele Eltern sind verunsichert und möchten sich Ratschläge von uns geben lassen. Für alle, die sich gerne weiter informieren möchte kann ich unsere Internetseite empfehlen.

 

 

 

Frau Dr. Korsten-Reck, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

 

 

 

Das Interview führte Andi Mündörfer

Weitere Informationen: www.fitoc.de

 

 

 

 

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